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'Halt auf freier Strecke' im Kino Frank muss sterben
von Fabian Soethof am 17. November 2011
Wenn selbst Kritiker in Cannes weinen: Mit “Halt auf freier Strecke” hat der deutsche Regisseur Andreas Dresen seinen nahbarsten Film gedreht. Und seinen besten. Es gibt keinen guten Moment für schlechte Nachrichten. Auch nicht für Frank und Simone, als sie im Sprechzimmer Franks Diagnose hören: Hirntumor. Bösartig. Nicht operabel. Endstadium. Ein paar Wochen noch, vielleicht Monate, attestiert der Arzt und entschuldigt sich. Das Telefon, ein Kollege, ein anderer Patient, er müsse da kurz rangehen. Und Frank und Simone, die sich und ihren zwei Kindern endlich ein Reihenhäuschen am Stadtrand von Berlin leisten konnten: sitzen da sprachlos und rühren sich nicht, den Tränen nahe. Wie der Zuschauer im Kinosessel. Mit „Halt auf freier Strecke“ hat Regisseur Andreas Dresen, dessen Geschichten sich in ihrer Bild- und Textsprache schon immer der Dramaturgie des Alltags widmeten, einen Film gedreht, in dem der Alltag seiner Protagonisten in dessen Umsturz dramatischer und beengender nicht sein könnte. Mehr noch als in „Wolke 9“ oder „Sommer vorm Balkon“ ist das Ende von Anfang an gewiss. Frank muss sterben. Die Chemotherapie, der schleichende Verlust seiner Kontrolle über sich selbst und die wie der Tumor wachsende Entfremdung seiner Familie bringen Frank um den Verstand. Auf seinem iPhone dokumentiert er seinen eigenen Verfall in einer Art Videotagebuch, vom Haarausfall bis hin zum Monolog darüber, welches Album bei seiner Beerdigung laufen soll. „Dead Man“ von Neil Young wäre toll, „Three Imaginary Boys“ von The Cure auch. Oder Nirvanas „Nevermind“. Und so wie Frank die Kamera auf sich selbst richtet, so richtet Dresen die Kamera auf die Familie Lange: immer ein paar Sekunden zu lang und einen Meter zu nah. Es ist, als ob man als Zuschauer selbst betroffen wäre. Man möchte schreien, wegrennen, heulen, um sich schlagen, „es reicht“ rufen und sich abwenden. Aber man kommt da nicht raus. Wie die Familie auch nicht, deren ganze Verzweiflung in einem Satz von Ehefrau Simone versinkt: „Am besten wäre wenn er einfach einschläft.“ Dass Dresen mit „Halt auf freier Strecke“ derart eindrucksvoll die Verfilmung eines wegen seiner Intimität eigentlich kaum verfilmbaren Themas gelungen ist, hat er nicht nur seiner ihm so eigenen dokumentarischen Distanz und Empathie zu seinen Figuren zu verdanken. Ja, auch er drückt auf die Tränendrüse, aber nicht durch Inszenierung und Überhöhung, sondern durch die schiere Abbildung des Auf und Ab der Familie Lange. Nein, es ist vor allem sein Ensemble, darunter alte Bekannte aus seinen Filmen und Laien, dem er allen Raum der Welt lässt. Bei der Premiere während der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes, auf denen „Halt auf freier Strecke“ den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard gewann, hat man gestandene Kritiker weinen sehen. Was unterstreicht: „Halt auf freier Strecke“ ist kein Wohlfühlfilm. Es ist das Erlebnis fast zweistündiger Hilflosigkeit. Krebsdrama: “Halt auf freier Strecke”
(Deutschland, 2011, 110 Minuten) Regie: Andreas Dresen mit: Milan Peschel, Steffi Kühnert, Ursula Werner, Otto Mellies, Christine Schorn, Inka Friedrich u.a. Kinostart: 17. November halt-auf-freier-strecke.pandorafilm.de Ähnliche Artikel Keine Punchlines, kein Humor, keine Pointen: Nilz Bokelberg stichelt gegen seinen Ex-Konkurrenten… Smart erzählt und actionreich umgesetzt: „21 Jump Street“, nach der RTLplus-Serie aus den… Von Tim über Timberlake bis Don Draper: Helden und Anti-Helden findet man eben doch noch auf der… Seth Rogen im Interview über seine Hochzeit, seinen… Samuel L. Jackson ist einer der vielen Stars in… |