David Fincher im Interview
„Lisbeth Salander ist eine Humanistin“

Wir trafen den Regisseur des Hollywood-Remakes von „Verblendung“ in Berlin und sprachen mit ihm über James Bond, die Unterschiede zur ersten Verfilmung von Stieg Larssons Millenium-Trilogie und die Schönheit der Lisbeth Salander.

David Fincher ist nicht nur wegen „Sieben“ und „The Social Network“ einer der großen Regisseure Hollywoods. Mit Neugier erwarteten Film- wie Stieg Larsson-Fans seine Version von „Verblendung“, war doch die erste Verfilmung bereits ein Erfolg. Lässt sich noch etwas besser machen? Im Hotel Adlon stand uns der Regisseur zu den Unterschieden der Fassungen Rede und Antwort.

BRASH.de: Mr. Fincher, der Opener Ihrer Version von „Verblendung“ wirkt wie die Eröffnungssequenz eines James-Bond-Films!

David Fincher: Das stimmt. Es ist eine kleine Hommage an Maurice Binder, den Erfinder solcher Opener.

Hätten Sie Lust, einmal einen James-Bond-Film zu drehen?

Vor Jahren führte Produzentin Barbara Broccoli mit mir Gespräche darüber, aber es ergab sich dann nichts. Vielleicht bin ich ein wenig zu pervers für solche Filme.

Ist Ihnen Stieg Larsson pervers genug?

Der kommt dem schon näher. Mein Interesse – und ich vermute auch das von Stieg Larsson – lag aber nicht an den Nazis oder den Serienmördern, die jeder so im Keller hat. Mich reizte die Beziehung zwischen Salander und Blomkvist, weil so etwas noch in keiner Hollywoodproduktion zu sehen war.

Was ist das Besondere für Sie?

Die Idee eines Journalisten mittleren Alters an der Seite einer jungen, asozialen Hackerin war für mich atemberaubend schön und anders. Stieg Larsson kämpfte bei diesem Aspekt der Millennium -Trilogie mit etwas, das dem 21. Jahrhundert sehr angemessen ist. Nämlich wie Frauen und Männer zusammen arbeiten können, wie sie ein Team sein können. Und das lange bevor der Missbrauch von Frauen ein modisches Gesprächsthema wurde.

Der Thriller interessierte Sie gar nicht?

Doch, denn das erste Buch der Trilogie hat alle ballistischen und aerodynamischen Komponenten eines Thrillers. Ergriffen sind wir aber von diesen beiden Menschen. Die permanent Schikanierte und Gedemütigte trifft auf den Typen, der sich vor seinen Problemen in ein Schneckenhaus zurück zieht. Sie hilft ihm. Aber auch er verhilft ihr zur Hoffnung, dass sie in Zukunft etwas Innigkeit in einer zwischenmenschlichen Beziehung erfahren kann. So einen Film habe ich bisher nicht gemacht.

Wie stark beeinflusste Sie die schwedische Verfilmung?

Die Filmbranche in Stockholm ist nicht so groß. Deshalb waren Teile unserer Crew auch schon beim anderen Film dabei. Bereits beim Aussuchen der Locations kamen diese Leute zu mir und erklärten mit gesenkter Stimme: Diese Brücke wurde eigentlich schon in der dänischen Verfilmung verwendet (er lacht). Die Schweden wollten auch klarstellen, dass es sich dabei um eine dänische Produktion handelte. Wir waren da aber ganz entspannt, weil wir unterschiedliche Zugänge hatten.

Welche Unterschiede sind das?

Das Schöne ist, dass die Geschichte von Stieg Larsson Raum für beide Verfilmungen lässt. Ich sah Blomkvist nicht als Kriegskorrespondenten, sondern als Finanzjournalisten. Der Krieg gegen diese Kryptonazis verschwindet ja von den Titelblättern und wechselt dorthin, wo diese Ideen auch ausgeführt werden können, nämlich in die Finanzwelt. Zumal dort die politischen Übernahmen unserer Tage stattfinden. Auch das war eine großartige Idee von Stieg Larsson. Aber hatten wir dafür genügend Zeit in zweieinhalb Stunden? Leider nein.

Wie unterschiedlich sehen Sie Lisbeth Salander?

Ich sehe Salander nicht als Feministin, sie ist mehr eine Humanistin. Sie wurde so lange belästigt, bis sie es nicht mehr ertragen konnte. Das ist letztlich auch der Grund, warum 65-jährige Männer in der U-Bahn dieses Buch lesen. Nicht, weil sie Feministen sind,  sondern weil sie total verstehen können, warum diese Lisbeth Salander so tickt. Jedes System, das seine Mitglieder unterjocht, muss mit einer Antwort rechnen. Die Antwort von Lisbeth Salander fällt eben unfreundlich aus.

Ist sie ein „Dirty Harry“?

Dirty Harry ist sich zu jedem Zeitpunkt absolut sicher, bei dem was er tut. Die Schönheit von Lisbeth Salander liegt darin, dass sie es nicht immer weiß. Selbst, nachdem sie nackt gefesselt und geknebelt auf diesem Bett lag, ist sie bei ihrer Rache keine schadenfrohe Sadistin. Sie ist aber vorbereitet, so weit zu gehen, um ihr Leben wieder zurück zu bekommen. Mit diesem Vergewaltiger muss sie auch so weit gehen, damit er versteht, was die Konsequenzen seines Tuns sind.

Bestseller-Adaption:

„Verblendung“
(USA 2011)
Regie: David Fincher
mit: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Joely Richardson, Robin Wright u.v.m.

Kinostart: 12. Januar 2012

www.verblendung-film.de

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