'J. Edgar' im Kino
Die Leiden des jungen Hoover

In “J. Edgar”, der Entstehungsgeschichte der FBI-Behörde, entdeckt der nimmermüde Meisterregisseur Clint Eastwood das wahre Gesicht ihres heldenhaften Begründers, eindrucksvoll gespielt von Leonardo DiCaprio.

Näher als ihnen lieb war: Clyde Tolson (Armie Hammer) und J.Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio)

Ein Leben im Duckmäusertum: Clyde Tolson (Armie Hammer) und J.Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio)

Lieber hätte sie einen toten Sohn, als einen Narziss, eröffnet Judi Dench ihrem John Edgar mit versteinerter Miene. Was die Mutter dem künftigen FBI-Ermittlerguru in diesem, vielleicht dem schrecklichsten Moment von “J. Edgar” rhetorisch verkleidet raten möchte, ist nicht weniger als ein Leben im Duckmäusertum. Die nach wie vor nur vermutete Homosexualität des FBI-Begründers rückt in der Kinoadaption seines Schaffenswerkes ins Zentrum aller Geschehnisse. Wider Erwarten erzählt Clint Eastwood keine faktenorientierte Politik-, sondern eine sanftmütige Liebesgeschichte. Zwischen J. Edgar Hoover und seinem engsten Vertrauten, dem Anwalt und Berater Clyde Tolson.

Der Film bleibt stets bei seiner Titelfigur, nur am Rande streift er deren Kampf gegen “bolschewistische Radikale”, Bürgerbewegungen oder den Kommunismus. Die (ermittlungs-)historischen Ereignisse, von der Einführung der Forensik bis hin zum berühmten Kriminalfall in der Familie von Flugpionier Charles Lindbergh, zeichnet Eastwood zwar nach, verweist aber fortlaufend auf ihren Kontextcharakter. Ihm geht es mehr um die persönliche Motivation Hoovers im politischen Handeln,  die unmögliche Liebe zweier hochrangiger Staatsmänner und das nahezu ödipale Verhältnis zur Mutter. Dass diese Schwerpunktverlagerung nie zur Peinlichkeit überläuft, ist ein wahres Verdienst der einfühlsamen Regie Eastwoods, seiner sorgfältigen Handhabung des Materials und nicht zuletzt der großartig verdichteten Vorlage von Dustin Lance Black, dessen Drehbuch zu “Milk” vor drei Jahren mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Für diesen empfiehlt sich auch einmal mehr Leonardo DiCaprio, der Hoover selbst unter Tonnen von Alters-Make-up – die Handlung umfasst mehrere Jahrzehnte bis zu dessen Tod – und im Antlitz ständiger Halbschatten noch begreiflich die Erscheinung einer innerlich gebrochenen, aber um strenge Aufrichtigkeit bemühten Führungsfigur verleiht. Dessen bislang womöglich komplexeste Rolle wird vom Film durch einen Kniff in der Erzählung zuletzt schließlich bedachtvoll in ihre Einzelteile zerlegt: Der Selbststilisierung des FBI-Mannes zum nationalen Verbrecherschreck und sogar Comichelden liegt demnach bestenfalls eine korrigierte Version der Wahrheit zugrunde. Die großen erhabenen Bilder und Mythen der US-amerikanischen Geschichte können bei Eastwood immer nur von Zweifeln behaftet sein. Ein starker Film.

Drama:

“J. Edgar”
(USA, 2011)

Regie: Clint Eastwood

mit: Leonardio DiCaprio, Armie Hammer, Naomie Watts, Judie Dench, Josh Lucas u.a.

Kinostart: 19. Januar 2011

jedgarmovie.warnerbros.com

Photo Credit: Keith Bernstein © 2011 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.

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