Woody Allen im Interview
„Ich versuche, so langsam wie möglich älter zu werden“

Nach London, Paris und Barcelona spielt die aktuelle Komödie von Altmeister Woody Allen erneut in Europa – diesmal in Rom. Wir trafen ihn dennoch in Paris zum Gespräch.

Vermutlich als Markenzeichen eingetragen: Woody Allens Blick und Brille.

Legendärer und bekannter als Woody Allen dürfte kaum ein anderer lebender Filmemacher sein. Mitte der Sechziger Jahre begann er als Komiker, Schauspieler und Drehbuchautor, wenig später etablierte er sich auch als Regisseur. Mittlerweile dreht der New Yorker seit über 30 Jahren in schöner Regelmäßigkeit einen Film pro Jahr, zuletzt nicht selten in Europa. Für „To Rome With Love“ verschlug es den 76-jährigen vierfachen Oscar-Gewinner nun erstmals nach Italien.

BRASH.de: Mr. Allen, in der Dokumentation, die kürzlich über Sie im Kino lief, sagt Ihre Schwester, Sie seien derzeit so glücklich wie nie zuvor in Ihrem Leben. Würden Sie das unterschreiben?

Woody Allen: Nun, das ist natürlich relativ. Wie Sie sicher wissen, bin ich ein eher pessimistischer Mensch, und mein größter Glückszustand wäre für Sie vermutlich fast noch schlechte Laune. Im Grunde jedoch hat meine Schwester schon Recht. Es läuft in letzter Zeit sehr gut für mich. Ich bin seit mittlerweile 15 Jahren glücklich verheiratet und habe zwei nette Kinder. Das ist, wie gesagt, nur das Glück im Kontext eines trost- und bedeutungslosen Lebens. Aber ich tue, was ich kann.

Das Älterwerden macht Ihnen also nicht solche Probleme wie Jerry, Ihrer Figur in „To Rome With Love“?

Woody Allen: Oh doch, älter zu werden gefällt mir absolut nicht. Ich versuche es so langsam wie möglich zu tun und halte mich an allen jugendlichen Zügen, die ich noch habe, krampfhaft fest.

Sie haben immer wieder über sich selbst gesagt, Sie seien kein Intellektueller. Ein Scherz, oder?

Woody Allen: Nein, das ist absolut die Wahrheit. Die Leute lachen immer, wenn ich das sage. Aber es stimmt. Dass mir keiner glaubt, muss an der Brille liegen. Ich sehe nur aus wie ein Intellektueller, aber ich bin keiner. Gleichzeitig sehe ich fürchterlich unsportlich aus – und war trotzdem früher eine absolute Sportskanone. Bis heute bin ich ein riesiger Fan von allen möglichen Sportarten. Wenn ich nicht gerade ein Basketball-Match am Spielfeldrand der New York Knicks verfolge, erwischen Sie mich wahrscheinlich zuhause mit einem Bier in der Hand auf dem Sofa, wo ich Football im Fernsehen gucke. Doch weil ich aussehe wie ich aussehe, spiele ich in meinen Filmen besser Psychologen oder College-Professoren.

Klar, dass er fleißig weiterarbeitet: Woody Allen inszeniert Penélope Cruz.

Woody Allen: Das allein macht mich nicht zum Intellektuellen. Jeder kennt doch Kierkegaard! Genauso wie jeder Tolstoi oder Dostojewski kennt. Aber nur weil man einmal „Schuld und Sühne“ gelesen hat, wird man nicht automatisch zum Intellektuellen.

Wenn Sie den Intellektuellen also nur spielen, wie viel haben denn Ihre Filmfiguren überhaupt mit Ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun?

Woody Allen: Sie sind nicht autobiografisch, aber natürlich haben sie viel mit mir selbst zu tun. Ich spreche auf der Leinwand genauso wie im echten Leben. In dem Sinne spiele ich also eigentlich gar nicht. Deswegen werden Sie mich auch nie in einem Tschechow-Stück auf der Bühne oder in 100 verschiedenen Rollen à la Dustin Hoffman sehen. Eigentlich kann ich nur Versionen von mir selbst verkörpern, und das ist es also, was ich immer getan habe. Genau das ist auch der Grund, weswegen mich die Leute immer mit meinen Rollen gleichsetzen und denken, ich sei ein Intellektueller. Oder so schusselig und inkompetent, wie viele meiner Figuren. Bin ich aber auch nicht.

Wie würden Sie sich stattdessen beschreiben?

Woody Allen: Ich führe ein ganz normales, bürgerliches Leben. Ich arbeite jeden Tag, übe Klarinette, gehe ins Kino oder ab und zu zu Sportveranstaltungen. Kein bisschen Bohème, und das war es auch nie. Unser Freundeskreis besteht auch eher aus Bankern und Anwälten, nicht aus Künstlern, die auf dem Fußboden sitzen, Drogen konsumieren und Gedichte rezitieren. Alles ganz gewöhnlich also, auch wenn das vorzustellen scheinbar vielen schwer fällt. Dabei war doch Charlie Chaplin auch nicht der arme Tramp, den er immer spielte, sondern ein reicher Kerl, der die Frauen reihenweise herumkriegte.

Was Sie in jedem Fall sind, ist prominent. Wie nehmen Sie selbst Ihren Ruhm wahr?

Woody Allen: Als insgesamt sehr angenehm. Als Prominenter führt man ein privilegiertes Leben, auch wenn man das nicht unbedingt verdient hat. Es gibt ja keinen vernünftigen Grund, warum es mir besser gehen sollte als einem Lehrer oder einem Arzt. Aber unsere Gesellschaft liebt nun einmal Stars und Prominente, nicht Wissenschaftler. Das verschafft mir viele Vorteile, die andere nicht haben, und es wäre Unsinn zu behaupten, dass ich mich darüber nicht immer wieder erfreue.

Mit „Midnight in Paris“ feierten Sie zuletzt den größten Erfolg Ihrer langen Karriere, noch immer drehen Sie einen Film pro Jahr. Haben Sie eigentlich überhaupt vor, sich irgendwann zur Ruhe zu setzen?

Liebt seinen Job: Woody Allen vergnügt am Set von "To Rome with Love"

Woody Allen: Nein, eigentlich nicht. Nicht dass ich etwas dagegen habe. Einige meiner Freunde haben es getan und sind sehr glücklich damit. Sie machen nichts mehr außer Karten und Schach spielen, durch Europa zu reisen oder mit ihren Enkeln zu spielen. Aber für mich wäre das einfach nichts, denn ich liebe es nun einmal zu schreiben. Wenn ich zuhause sitze und arbeite, habe ich nie Sehnsucht nach dem Feierabend oder dem Wochenende. Im Gegenteil: ich liebe diesen Job. Es ist, als würde man mich für mein Hobby bezahlen.

Ist es also vielleicht das, was Sie als Person am meisten definiert: das Schreiben?

Woody Allen: In gewisser Weise ja, sicherlich.

Geht es Ihnen da um den Akt des Schreibens oder ist das eher ein Gefühl, so viele Geschichten in sich zu tragen, die heraus müssen?

Woody Allen: Es ist tatsächlich das Schreiben selbst, das ich liebe. Um bestimmte Geschichten geht es dabei nicht. Ich habe einfach gerne einen Stapel leerer Seiten vor mir, die ich füllen kann. Womit auch immer. Das ist mir das größte Vergnügen.

Ein eher einsames Vergnügen…

Woody Allen: Stimmt, aber genau das gefällt mir daran. Aus dem gleichen Grund übe ich auch so gerne auf meiner Klarinette. Ich habe mir immer schon gerne Beschäftigungen gesucht, bei denen ich mich zurückziehen und von der Außenwelt abschotten konnte. Schon als Kind war das so. Da habe ich es geliebt, mich als Zauberer zu versuchen und jede Menge Tricks einzustudieren. Und das Beste daran war nicht, sie irgendwann einem Publikum zu präsentieren. Sondern das stundenlange Ausprobieren allein in meinem Zimmer.

„To Rome with Love“
(USA 2012)
Regie: Woody Allen
mit Woody Allen, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Penélope Cruz, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Greta Gerwig, Ellen Page u.v.m.

Kinostart: 30. August 2012

www.ToRomeWithLove.de

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