Heimkino-Kolumne
Zuhause bleiben – und Überraschungen erleben

Wir kennen den Vorwurf, dass es in Hollywood und allgemein in Film und TV vorhersehbar zugehe und es an kreativen Einfällen mangle. Ob da was dran ist, untersucht unser Kolumnist an den DVD-Starts der vergangenen Wochen.

Beweise dafür, dass an dieser These Gültigkeit besitzt, tauchen in schöner Regelmäßigkeit auf. Denken wir nur an den Kinoflop „Battleship“ (Universal), der nun auch fürs Heimkino zu haben ist. Als klar war, dass jemand „Schiffe versenken“ für „Transformers“-Fans verfilmt, rechneten alle mit viel hohlem Geballer und reichlich verschwendetem Talent – und genauso kam es auch. Doch selbstverständlich lassen sich auch immer wieder Gegenbeispiele entdecken, und so finden sich zwischen den DVD- und Blu-ray-Neuerscheinungen der letzten Wochen jede echte Menge Überraschungen.

Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen.

Fangen wir mal mit der größten an: „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ (StudioCanal), das muss hier mal gesagt werden, ist kein nerviger Teenie-Unfug à la „Twilight“, sondern ein ziemlich gelungener Film. Was zum einen an einer spannenden und erstaunlich brutalen Geschichte (dessen Dreiecks-Romanze in diesem ersten Teil noch kaum mehr als eine Andeutung ist), zum anderen an verdammt guten Schauspielern liegt. Jennifer Lawrence in der Hauptrolle ist eine Wucht, daneben glänzen verlässliche Größen wie Elizabeth Banks, Stanley Tucci oder Woody Harrelson. Und wer letzteren sogar in einer noch besseren (und größeren) Rolle sehen will, dem sei dringend „Rampart – Cop außer Kontrolle“ (Ascot Elite) empfohlen. Darin glänzt er als unangenehmer Polizist, umringt von einer Schar fantastischer Schauspielerinnen.

Wo wir gerade bei erfolgreichen Leinwand-Jugendlichen waren: auch Teenie-Stars sind für Überraschungen gut. Etwa wenn es darum geht, auch als erwachsene Schauspieler ernst genommen zu werden. „Harry Potter“-Bürschchen Daniel Radcliffe braucht kaum mehr als ein paar historische Kostüme und etwas altmodischen Spukhaus-Grusel – und schon klappt  das mit „Die Frau in Schwarz“ (Concorde) ganz gut. Kollege Zac Efron leistet sich dagegen mit der entsetzlich öden Nicholas Sparks-Verfilmung „The Lucky One“ (Warner) dieses Mal noch einen Fehltritt. Doch bei den Festivals in Cannes und Venedig hat er 2012 schon gezeigt, dass da noch mehr drin ist.

Jason Biggs in "American Pie - Das Klassentreffen"

Manchmal sind die Fortsetzungen schlechter Filme besser als das Original. So lautet eine andere, eher unerwartete Erkenntnis, die das Studium neuer DVD-Veröffentlichungen zu Tage bringt. Wobei man natürlich sagen muss, dass im Falle von „Zorn der Titanen“ (Warner) nach dem Vorgänger denkbar niedrig lag. Mag sein, dass es an den fehlenden Erwartungen liegt oder auch an der immer sehenswerten Rosamund Pike, aber irgendwie macht die Antiken-Action dieses Mal ein kleines bisschen mehr Spaß. Was man von „Ghost Rider: Spirit of Vengeance “ (Universum) übrigens nicht behaupten kann, selbst wenn immerhin Idris Elba mit am Start ist. Und auch „American Pie – Das Klassentreffen“ (Universal) ist – obwohl ohne Nicolas Cage, aber mit Stifflers Mum – im x-ten Aufguss bestenfalls noch unter nostalgischen Gesichtspunkten zu genießen.

Doch zurück zu den Überraschungen. Mit Andreas Dresen und den Brüdern-Dardenne beweisen aktuell gleich mehrere Regisseure, dass es so etwas wie Unfehlbarkeit vielleicht doch gibt. Mit „Halt auf freier Strecke“ (Pandora/ Al!ve) bzw. „Der Junge mit dem Fahrrad“ (Alamode/ Al!ve) haben sich jedenfalls sowohl der Deutsche als auch die beiden Belgier nicht nur einmal mehr keine Peinlichkeit erlaubt, sondern sogar echte Meisterwerke abgeliefert. Von solch einer Bilanz können die Oscar-Gewinner Steven Soderbergh angesichts seines mauen (aber immerhin starbesetzten) Actionfilmchens „Haywire“ (Concorde) und Cameron Crowe mit seinem harmlos-netten Familienfilm „Wir kaufen einen Zoo“ (20th Century Fox) nur träumen. Aber selbst einer Legende wie Steven Spielberg reißt bekanntlich irgendwann mal die Serie. Und so kam jüngst nicht nur dessen unvergessener und in einer lohnenswerten Blu-ray-Edition einmal mehr mitreißender Klassiker „Der weiße Hai“ (Universal), sondern auch seine entsetzlich pathetische Kriegs- und Pferdeschmonzette „Gefährten“ (Walt Disney) in den Handel.

Wo wir gerade bei legendären Regisseuren sind: dass mit „Hugo Cabret“ (Paramount), einer Liebeserklärung ans Kino, ausgerechnet Altmeister Martin Scorsese der beste 3D-Film seit „Avatar“ gelungen ist, darf auch als überraschend gelten. Genauso wie die DVD-Premiere „Machine Gun Preacher“ (Universum), in der Gerard Butler zum ersten Mal seit Ewigkeiten beweist, dass er mehr sein kann als bloß eine tumbe Nervbacke. Oder „Türkisch für Anfänger“ (Constantin/Highlight/Paramount), der zwar nie den Charme der Serienvorlage entwickelt, aber trotzdem an den Kinokassen so erfolgreich war, dass inzwischen sogar Hollywood ein Auge auf Hauptdarsteller Elyas M’Barek geworfen hat.

Und doch… Dass hin und wieder die Überraschungen ausbleiben, lässt sich leider auch nicht bestreiten. Die Erkenntnis, dass sich Qualität nicht immer durchsetzt, ist zumindest ebenso alt wie traurig. Aber zu spät ist es ja nie, gerade in Sachen Home Entertainment, wo man alle Zeit der Welt hat, kleine Perlen aufzustöbern. Deswegen seien hier zum Abschluss noch schnell ein paar Filme, die es zu entdecken gilt, nachdem sie im Kino kaum jemand gesehen hat. „Dame, König, As, Spion“ (StudioCanal) ist als Agententhriller zwar ganz schön trocken geraten, wartet aber mit einem interessanten Subtext und vor allem einem herausragenden Gary Oldman auf. Das Schizophreniedrama „Take Shelter“ (Ascot Elite) ist eine der interessantesten amerikanischen Independent-Produktionen der letzten Monate und „Und dann der Regen“ (Piffl/good!movies/Indigo) ein erneuter Beweis, wie kraftvoll das spanischsprachige Kino und mit ihm Gael García Bernal sein können. Außerdem erwähnenswert: „The Music Never Stopped“ (Senator/Universum) mit dem immer wieder tollen J.K. Simmons und super Soundtrack sowie „Mann im Bad“ (Alamode/Al!ve) mit Pornostar François Sagat, einer der verspieltesten, charmantesten und ungewöhnlichsten Filme über Homo-Sex und schwule Liebe seit langem.

Michael Shannon in "Take Shelter"

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