Heimkino-Kolumne
Frauenhelden und Coverboys

In unserer aktuelle Heimkino-Kolumne: Hollywoods nächste Generation, seine bisherigen Großen – und wer sonst noch so in Filmen und Serien auf DVD, Blu-ray und VoD von sich Reden machte.

Der Kerl war eigentlich spannender als sein Film: Ryan Gosling, hier in "Drive"

Der Kerl war eigentlich spannender als sein Film: Ryan Gosling, hier in "Drive"

Es ist zwar erst Oktober, aber für die Wahl zum Mann des Jahres sind in Sachen Film schon seit Monaten eigentlich nur drei Kerle im Rennen. In Hollywood macht sich nämlich langsam aber sicher eine neue Generation breit, und zu der gehören – neben Ryan Gosling, dessen großes Jahr 2011 war – vor allem Michael Fassbender (35), Channing Tatum (32) und Joseph Gordon-Levitt (31).

Einer von den kommenden Großen: Joseph Gordon-Lewitt, hier in "Looper"

Noch einer von den kommenden Großen: Joseph Gordon-Lewitt, hier in "Looper"

Alle drei konnten in diesem Jahr gleich mehrere beeindruckende Kinoerfolge verbuchen, von denen einige gerade auf der Leinwand laufen (Gordon-Levitts „Looper“ sollte man nicht verpassen), andere aber inzwischen auch schon fürs Heimkino erhältlich sind. Als da wären: „50/50“ (Universum), eine sehr lustige und sehr rührende Tragikomödie, in der Ex-Kinderstar Gordon-Levitt einen Krebskranken spielt; „Shame“ (Prokino/EuroVideo) mit dem gelegentlich nackten Fassbender, der sich zwar nicht – wie der Verleih großspurig erklärt – als provokantester Film des Jahres entpuppt, aber ein bemerkenswert bitteres und manchmal eben auch freizügiges Drama ist; sowie „21 Jump Street“ (Sony) mit dem omnipräsenten Tatum, das unerwartet amüsante Update jener High School-Serie, mit der Johnny Depp einst berühmt wurde.

Zwei starke und ein anständiger Film, mit drei tollen Hauptdarstellern, die sich bedenkenlos jeder zum Stil- oder sonstigen Vorbild nehmen kann, der ein Dasein als Frauenheld, Schwulenschwarm oder GQ-Coverboy anstrebt. Und wer von Gordon-Levitt so gar nicht genug kriegen kann, sollte auch noch bei „Hesher“ (Koch Media) zuschlagen. Der Film, in der er an der Seite von Natalie Portman einen langhaarigen Headbanger spielt, kam bei uns nie in die Kinos.

Überhaupt strotzen die neuen DVDs, Blu-rays und Video-on-Demands der vergangenen Wochen nur so vor Mannsbildern aller Spielarten. Eher abschreckend als vorbildhaft sind die pubertären Dummheiten in „Project X“ (Warner), und auch den Geschäftsmännern auf Abwegen in der ziemlich spannenden skandinavischen Thriller-Adaption „Headhunters“ (NFP/Warner) nach dem Bestseller von Jo Nesbø sollte man vielleicht nicht unbedingt nacheifern.

Aber Liam Neeson (auch er aktuell im Kino zu sehen, mit „96 Hours – Taken 2“) gibt in dem schlichten, aber effektiven Naturthriller „The Grey“ (Universum) ein wenig Nachhilfe im Fach „einsamer Wolf-Sein“ – und erteilt nebenbei all jenen eine Lehrstunde, die sich demnächst auch nach einem Flugzeugabsturz allein unter Wölfen wieder finden. Wie man als Superheld seinen Mann unter lauter anderen Superhelden steht, lehrt – erfreulich schwungvoll und amüsant – „Marvel’s The Avengers“ (Walt Disney), dessen Regisseur Joss Whedon übrigens auch ein Kandidat für den Mann des Jahres ist. Und über die nette Franzosen-Freundschaft im Feel Good-Sensationserfolg „Ziemlich beste Freunde“ (Senator/Universum) muss man sowieso keine Worte mehr verlieren. Weil sie gefühltermaßen jeder schon gesehen hat. Und weil sie, wenn wir mal ehrlich sind, eigentlich nicht der Rede wert ist.

Einer von den gegenwärtigen Großen: Johnny Depp, hier als Vampir Barnabas Collins in "Dark Shadows"

Einer von den gegenwärtigen Großen: Johnny Depp, hier als Vampir Barnabas Collins in "Dark Shadows"

Auch über „Dark Shadows“ (Warner) und „Der Diktator“ (Paramount) könnte man ohne Weiteres das Mäntelchen des Schweigens decken, wären da nicht die jeweiligen Hauptdarsteller. Johnny Depp und Sacha Baron Cohen sind ohne Frage zwei der coolsten und unverwechselbarsten Männer, die Hollywood in den letzten Jahren zu bieten hatte. Ihre jüngsten Filme allerdings – Tim Burtons grelle Adaption der kultigen Vampirserie und eine viel zu wenig improvisierte, seltsam neben der Spur laufende Despoten-Parodie – sind wenn schon nicht Totalausfälle, dann doch wenigstens unter ihren Möglichkeiten bleibende Enttäuschungen.

Mehr Qualität findet man aktuell anderswo, etwa in Wes Andersons gewohnt schräg-charmanter und nur auf den ersten Blick kindlichen Ensemblekomödie „Moonrise Kingdom“ (Tobis/Universum). Oder in der ziemlich gelungenen Dokumentation „Marley“ (StudioCanal), die sowohl Fans als auch Neulingen ein ziemlich umfassendes Bild des legendären Reggae-Zauberers zeichnet. Auch gut: der unglaubliche heftige, kaum aushaltbare Serienkiller-Film „Die Morde von Snowtown“ (Alamode/Universum), der Horror fernab von Genreklischees inszeniert. Und die absolut hinreißende norwegische Komödie „Der Mann, der Yngve liebte“ (Arsenal/good!movies/Indigo), ein Film über Erwachsenwerden und Coming Out und den Pop der achtziger Jahre.

Zum Abschluss wie immer noch der Blick auf alle Neuigkeiten in Sachen Fernsehserien. Zu „The Wire – Die komplette vierte Staffel“ (Warner) muss man eigentlich nicht mehr viel sagen. Ganze Bücher wurden schon über die Serie aus dem Drogen-, Polizei- und Politikmilieu Baltimores geschrieben, und ja: sie ist so gut wie alle sagen, nicht zuletzt dank der unglaublich komplexen, selten vorbildhaften Charaktere. Über die endlich nach und nach erscheinenden deutschen DVD-Boxen kann man sich übrigens gar nicht genug freuen, denn am besten genießt man „The Wire“ im Original mit Untertitel.

Vollkommen anders, aber auf sehr eigene Weise ebenfalls wegweisend ist „Modern Family – Season 1“ (20th Century Fox), über drei sehr unterschiedliche, aber miteinander verwandte Familien und ihre albernen Alltagssorgen. Höchste Zeit, dass diese famos gespielte Sitcom endlich nach Deutschland kommt. Und allen, die gerne „Men’s Health“ lesen, dazu aber auch noch Brot und Spiele oder vor allem Blut und Sex wollen, sei „Spartacus: Gods of the Arena“ (20th Century Fox) ans Herz gelegt. Macht auch nichts anderes, als die vorangegangenen Spartacus-Versionen, das aber sehr effektiv. Ach, und einfach nur, weil die Reihe verdammt gut ist und hier dieses Mal noch gar nicht von Frauen die Rede war: Helen Mirren in der Komplettbox der britischen Krimiserie „Heißer Verdacht – Staffel 1-6“ (Koch Media) ist eine Wucht.

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