'Pietà' im Kino
Eine Remix-Parabel von Schuld und Sühne

In dem düsteren Thriller „Pietà“ begegnet ein brutaler Geldeintreiber einer unbekannten Frau, die behauptet, seine Mutter zu sein. Noch weiß er es nicht, aber damit beginnt sein Martyrium.

Lee Kang-do lässt sich nicht in Naturalien bezahlen.

Wer denkt, dass „Saw“ den ultimativen Horrorstandard setzt, hat Kim Ki-duks „Pietà“ noch nicht gesehen. Die aktuelle Arbeit des südkoreanischen Regisseurs ist zwar ein sogenannter Film für Programmkinos und gewann den Goldenen Löwen der diesjährigen Filmfestspiele in Venedig. Aber Kim Ki-duk verbindet einzelne Elemente des Horrorgenres zu einem verstörenden Ganzen, das einem mehrfach kalte Schauer über den Rücken laufen lässt.

Im Schatten der Wolkenkratzer des Finanzdistrikts von Seoul geht Lee Kang-do (Lee Jung-jin) seiner Arbeit nach. Er sucht in verwinkelten Gassen säumige Handwerker und Kleingewerbetreibende auf, um offene Kreditschulden einzufordern. Die Welt ist dunkel dort, es gibt keine Passanten und die Werkstätten sind allesamt fensterlos. Auf engstem Raum nur ölverschmierte Hände und Maschinen, die Metall pressen, biegen, schneiden oder zersägen. Lee Kang-do kennt kein Nein. Kann ein Schuldner nicht bezahlen, dann bricht er ihm die Arme oder zerquetscht seine Beine, aber er bringt ihn nicht um. Ein toter Schuldner ist nichts mehr wert, aber ein verkrüppelter bekommt Geld von der Versicherung. Geld, das Lee Kang-do für seine Auftraggeber kassiert.

Nach getaner Arbeit besorgt sich Lee Kang-do ein Tier und schlachtet es in seiner kleinen Wohnung – Kaninchen, Aale und Hühner haben in diesem Film keine gute Zeit. Dann nimmt er es aus, brät und verspeist es. Abends legt er sich ins Bett und onaniert. Das Geschäft eines sadistischen Geldeintreibers ist ein einsames.

Zum Abendessen gibt es Huhn.

Bis eine Frau (Cho Min-soo) seinen Weg kreuzt, die sagt, dass sie seine Mutter sei. Sie bittet Lee Kang-do um Vergebung, weil sie ihn als kleines Kind verlassen hat. Er stößt sie von sich, doch die Frau kommt immer wieder, lässt sich beschimpfen und schlagen, aber nicht fortschicken. Sie schafft es bis in seine Wohnung, räumt auf, kauft ein und kocht. Als Lee Kang-do versucht sie zu vergewaltigen, bricht die Frau zusammen. Das bringt den Mann zum Umdenken. Er beginnt die Fürsorge zu genießen, öffnet sich und entwickelt auf seine Weise so etwas wie Empathie. Ein Happy End? Nein, denn in genau diesem Moment schnappt eine Falle zu und der Leidensweg des Lee Kang-do beginnt. Erst wenn man liebt, ist man auch empfindsam für Schmerz.

Kim Ki-duk, selbst Christ, remixed diese religiös aufgeladene Parabel von Schuld und Sühne mit poetischen Horrorbildern. Dabei stellt er auch die „Pietà“ – Maria als Mater Dolorosa bekommt den gequälten Leichnam ihres Sohnes Jesus in den Schoß gelegt – auf den Kopf. Die Pietà, der Begriff kann auch mit Mitleid übersetzt werden, pervertiert zu Rache.

Als weitere Tonspur in diesem Remix bietet Kim Ki-duk einen Kommentar zum Kapitalismus und seiner aktuellen Krise. Das Bild ist simpel: hier die Wolkenkratzer, da das Hüttenviertel. Auf der eine Seite Menschen, die die schmutzigen Effekte ihrer Profitgier von Handlangern erledigen lassen. Und auf der anderen Seite Menschen, die brav ihre Aufgabe als Konsumenten und Kreditnehmer erfüllen, weil sie in dieser Vorhölle keine andere Wahl haben. „Pietà“ löst Beklemmungen aus. Genau, was ein Horrorfilm tun soll.

Der Film ist den 'Geliebten und Verlassenen' gewidmet.





Horror aus Korea:

„Pietà“
(Südkorea 2012)
Regie: Kim Ki-duk
mit Lee Jeong-jin, Cho Min-soo, Woo Gi-hong, Kang Eun-jin, Jo Jae-ryong, Lee Myung-ja u.v.m.

Kinostart: 8. November 2012

www.pieta-derfilm.de

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