Tom Tykwer im Interview
Das neue Prinzip des Erzählens

Mammutproduktionen der Geschichte wegen: Regisseur Tom Tykwer im Interview über anspruchsvolles Kino, seine Freundschaft zu den „Matrix“-Machern und ihre gemeinsame Freundin Natalie Portman.

Cloud Atlas, Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski

Auf dem Foto zeigt sich die Ähnlichkeit von "Lola rennt" und "Matrix" noch eindeutiger: Tom Tykwer mit Lana und Andy Wachowski (Foto: X Verleih / Kurt Krieger)

BRASH.de: Tom, Sie haben „Cloud Atlas“ zusammen mit den Wachowski-Geschwistern gedreht. Wie ist diese Regie-Freundschaft entstanden?

Tom Tykwer: „Lola rennt“ und „Matrix“ kamen damals ungefähr zur gleichen Zeit in die amerikanischen Kinos und wurden oft im gleichen Kontext genannt. Der Zusammenhang zwischen den Filmen liegt vielleicht nicht auf der Hand, aber tatsächlich waren beide sehr stark von den technischen Möglichkeiten und der Mechanik des Kinos fasziniert, während sie gleichzeitig spielerisch philosophische Fragen aufwarfen. Wir haben dadurch auf Anhieb eine Affinität zueinander gefühlt und uns das auch gegenseitig wissen lassen. Von da an war es nur eine Frage der Zeit, dass wir uns auch mal treffen. Als es soweit war, war es tatsächlich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick.

Wann war das?

Tom Tykwer: Das ist über zehn Jahre her, da waren die beiden gerade mit den „Matrix“-Fortsetzungen beschäftigt. Für „Matrix: Revolutions“ habe ich dann ja sogar Musik komponiert. Wobei das vor allem ein Vorwand war, noch mehr Zeit miteinander zu verbringen. Denn wir haben schnell gemerkt: Filmemacher, zumal wenn sie nicht auf den gleichen Kontinent leben, können kaum miteinander befreundet sein. Die Wege kreuzen sich wahnsinnig selten, weil man dauernd arbeitet. Und wenn man mal nicht arbeitet, arbeitet in der Regel der andere. Ihren Film „V wie Vendetta“ drehten sie zum Beispiel extra in Berlin, damit wir wenigstens abends Zeit miteinander verbringen konnten. Aber am selben Tag, als sie ankamen, musste ich nach Frankreich und Spanien abreisen, um „Das Parfum“ zu drehen.

Irgendwie hat die Freundschaft aber doch gehalten.

Tom Tykwer: Ja, aber wir haben gemerkt, dass wir das nicht hinkriegen werden, wenn wir nicht ein gemeinsames Projekt finden. Wobei dieser Gedanke, zusammen einen Film zu machen, natürlich zunächst nur eine Schnapsidee war. Bis wir den Roman „Cloud Atlas“ von David Mitchell in die Hände bekamen.

Und das passierte wie?

Tom Tykwer: Natalie Portman, die ein ziemlicher Bücherwurm und eine gemeinsame Freundin von uns ist, drückte es uns in die Hand. Und tatsächlich hat es uns in seiner Verrücktheit und Schönheit, in seiner Komik und Traurigkeit auf eine sehr ähnliche Weise erschüttert. Ich habe noch nie bei einem Buch so viel gelacht und geheult wie bei diesem. Mindestens zehn Mal habe ich es in die Ecke gefeuert, weil ich so entsetzt war, wen er nun wieder über die Klinge springen ließ, in Momenten wo man überhaupt nicht damit rechnete. Der Roman ist so meisterlich, dass man natürlich erst einmal eingeschüchtert war, ihn zu verfilmen. Aber es war eben auch klar, dass da in der Form des Schreibens etwas Filmisches am Werk ist, das man nicht einfach so umgehen kann.

Tom Tykwer

Auch international gefragt: Der deutsche Regisseur Tom Tykwer, hier bei der "Cloud Atlas"-Premiere in Berlin (Foto: X Verleih / Kurt Krieger)

Wie geht man so ein Mammutprojekt zu dritt an?

Tom Tykwer: Zunächst einmal haben wir versucht, uns die Filmrechte zu sichern und sie auch bekommen. Dann haben wir uns ein Haus auf einer Insel in Costa Rica gemietet, wo wir uns ein paar Wochen eingeschlossen und das Buch nach unseren Vorlieben auseinander gepflückt haben. Jeder schrieb auf Karteikarten seine Lieblingsmomente, -eindrücke und –szenen, bis der ganze Raum mit hunderten von Karten übersät war. So entstand auch die Idee für die verschachtelte Struktur des Films, die sich ja von der des Buches unterscheidet. Denn wir entdeckten, dass viele Szenen miteinander korrespondierten, die eigentlich gar nicht in derselben Epoche steckten. Aber der eigentliche Durchbruch kam mit der Idee, alle sechs Geschichten mit dem gleichen Ensemble zu erzählen.

Wieso war das so wichtig?

Tom Tykwer: Das Tolle war, dass diese Idee so filmspezifisch war, denn das kann Literatur, in der es nun einmal nur Worte, keine Gesichter gibt, nicht leisten. Es war ein Vergnügen, fast alle Schauspieler immer wieder auftauchen zu lassen, mal in Haupt-, mal in Nebenrollen. Plötzlich verdichtete sich das soweit, dass wir merkten: wir erzählen – wenn man so will – anhand dieser unterschiedlichen Schauspieler immer wieder einen Plot, der sich am Ende auch anfühlen wird wie die Entwicklung oder Menschwerdung vieler Charaktere, die aber in einem gebündelt sind. Die Meta-Narration der Films zumindest läuft über die Figuren von Tom Hanks.

Aber verbindet diese Figuren etwas, jenseits des Schauspielers?

Tom Tykwer: Wir haben den Schauspielern immer gesagt, dass sie im Grunde nicht eine Figur, sondern eine Seele spielen, die nur eben in unterschiedlichen Figuren auftaucht. Oder anders formuliert: sie spielen einen genetischen Strang, der eine Evolution durchmacht. Am auffälligsten ist das bei Hanks, der den Film als heimtückischste aller Menschheitsformen beginnt und schließlich in der fernen Zukunft als Held endet, der seine ganzen Skrupel und Widersprüche überwindet und de facto die Menschheit rettet. Aber dafür muss er eine große Kurve gehen, in seinen einzelnen Inkarnationen viele Umwege nehmen und zum Beispiel die Frau, die ihn auf den richtigen Weg bringen wird, insgesamt dreimal im Verlauf der Jahrhunderte treffen.

Hatten Sie keine Angst, dass diese Besetzungsidee zum bloßen Gimmick wird und das Publikum eher ablenkt, weil es nur noch überlegt, wer in welcher Maske steckt?

Tom Tykwer: Dieser Gefahr waren wir uns durchaus bewusst. Deswegen sollte diese Idee so in den Film integriert sein, dass man teilweise fast vergisst, dass man verschiedene Figuren sieht. Da sich von einer zur nächsten Geschichte etwas ganz direkt fortsetzt, nur eben in einer anderen Verkörperung, sollten sich die Geschichten quasi übergangslos lesen lassen. Das wäre vielleicht zu schematisch geworden, wenn jedes Mal die gleichen drei Leute die Hauptrollen gespielt hätten. Aber dadurch dass alle, also selbst Tom oder Halle Berry, manchmal nur winzige Rollen von ein paar Sekunden haben, wurde die Sachen unberechenbarer und ensemblehafter.

Dass dabei auch Geschlechter- und Rassengrenzen überschritten werden, verstand sich von selbst?

Tom Tykwer: Im Grunde ja, denn wenn man sagt, dass man seine Protagonisten als genetische Stränge sieht, die sich immer wieder finden, ist es klar, dass Kontinente oder Hautfarben genauso wenig eine Rolle spielen konnten wie Jahrhunderte. Je weiter wir die Idee verfolgten, mit den gleichen Schauspielern zu arbeiten, desto schneller wurde klar, was das bedeutet. Denn natürlich kann es vorkommen, dass sich die Charakteristika einer Figur in einer Geschichte in einem Mann, in der nächsten in einer Frau wieder finden. Und weil eine Geschichte in Korea spielt, war dann auch selbstverständlich, dass die westlichen Darsteller dafür zu Asiaten werden mussten. Allein Halle Berry ist in unserem Film in jeder Hautfarbe vertreten, die man sich vorstellen kann. Manchmal musste man sich am Set wirklich orientieren, wer überhaupt anwesend ist, weil man nicht jeden auf Anhieb erkannte.

Was die Regie angeht, haben Sie drei Episoden übernommen und die Wachowskis drei. Wie haben Sie die Arbeit aufgeteilt?

Tom Tykwer: Eigentlich gar nicht. Wir haben im Prinzip den Film komplett zusammen entwickelt, jedes Wort zusammen geschrieben, jede Rolle zusammen besetzt, jede Probe zusammen gemacht. Das Drehen selbst ist im Prozess der Entstehung eines Films ja nur ein kleiner Teil von drei Monate verglichen mit insgesamt vier Jahren. Da haben wir dann nach Neigung, aber auch nach pragmatischen und ökonomischen Gesichtspunkten überlegt, wer was macht. Warum hätte ich zum Beispiel eine spektakuläre Science Fiction-Szene drehen sollen, wo sie damit hundertmal mehr Erfahrung haben. Dagegen waren dann zum Beispiel die Komponisten mein Territorium, nicht zuletzt weil ich selbst Musik mache. Das hat sich quasi von selbst verteilt. Aber auch beim Drehen haben wir, obwohl jeder sein eigenes Team hatte, noch zusammengearbeitet. Die meiste Zeit waren wir ja in Babelsberg wirklich Tür an Tür. Und wenn nicht, dann hat man schon mal die Skype-Kamera vor den Monitor gehalten, um den anderen zu zeigen, was man gerade dreht.

Cloud Atlas-Premiere

Nur ein kleiner Ausschnitt eines großen Cast und einer großen Crew: Andy Wachowski, Tom Hanks, Halle Berry, Tom Tykwer, Lana Wachowski (v.l., Foto: X Verleih / Kurt Krieger)

„Cloud Atlas“ ist trotz seiner Größe eine Independent-Produktion. Den Hollywood-Studios, so hört man, war die Sache zu komplex…

Tom Tykwer: Stimmt, die wollten den Film alle nicht finanzieren. Dabei sind wir überzeugt davon, dass ein Film wie „Cloud Atlas“ die Zukunft des populären Kinos ist. Die Leute werden in ein paar Jahren nicht mehr gewillt sein, sich auf der großen Leinwand Filme anzugucken, die so formelhaft sind wie das meiste, was wir heutzutage sehen. Wenn „Spider-Man“ schon nach zehn Jahren wieder neu verfilmt wird, kann es langsam so nicht weitergehen. Sonst verlieren wir irgendwann das gesamte erwachsene Publikum – und zwar auch an Fernsehserien.

Was man in denen sieht, gefällt Ihnen besser als das aktuelle Kinoprogramm?

Tom Tykwer: Die amerikanischen Serien pflegen einfach schon viel länger eine wesentlich ambitionierte Erzählform, mit der wir als Zuschauer auch ganz selbstverständlich umgehen. Es kann doch nicht sein, dass die Leute beim „Mad Men“-Gucken völlig entspannt sieben oder acht Bälle gleichzeitig in der Luft halten und auch noch vier Folgen später ein Handlungsstrang wiederaufgenommen werden kann, während es im populären Kino immer noch nur linear zugehen darf und Verblödung droht. Dass wir bei breiter angelegten Kinofilmen so sehr an diesen traditionellen Erzählformen hängen, erscheint mir unzeitgemäß. Zumal wir durch die neuen Medien inzwischen ohnehin gewöhnt sind, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Davon dass man am Computer sitzt, wo man gleichzeitig ein Gespräch führt und ein Dokument bearbeitet, ist doch heute niemand mehr verwirrt. Das muss sich irgendwann im Kino niederschlagen.

Gerade „Cloud Atlas“ ist aber natürlich kein Film für kleine Computerbildschirme, den man nebenbei beim Chatten gucken sollte.

Tom Tykwer: Das meine ich ja gerade: Wir wollen dieses Prinzip des Erzählens zurückholen ins Kino, und zwar auf die größten Leinwände. Nur weil der Aufwand bei einem Film groß ist, muss ja nicht proportional dazu der intellektuelle Anspruch sinken, wie es derzeit die Tendenz zu sein scheint. Was Lana, Andy und mich auch zusammengeschweißt hat, war die Frage, welche Filme uns denn im Leben wirklich beschäftigt und geprägt haben. Und das waren eben oft solche, die es gewagt haben, in einer epischen Dimension Geschichten zu erzählen, die ambitioniert und komplex daherkommen, ohne anstrengend zu sein. Da fallen einem dann Filme wie „2001“, „Lawrence von Arabien“ oder auch „Blade Runner“ ein. Aber ich bin auch beeinflusst von Kollegen wie Lars von Trier, der mit „Idioten“ auch schon mal ganz woanders war, aber dann eben mit „Melancholia“ doch wieder einen Film dreht, den man einfach im Kino sehen muss, wenn man ihn halbwegs erfahren will.  Es geht also darum, das Kino zurückzuerobern für das Publikum, das immer schon das Kino geliebt hat als einen Ort, an dem man sowohl inspiriert als auch spektakulär unterhalten werden kann.

zur Rezension von “Cloud Atlas”

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