Sarah Silverman im Interview
„Ich muss nicht dringend Kate Hudsons beste Freundin spielen“

F*ckt Matt Damon und gibt Comicfiguren ihre Stimme: US-Komikerin Sarah Silverman im Interview über Humor, Mainstream-Ambitionen und die Synchronsprecharbeiten für Disneys neuen Animationsfilm „Ralph reichts“.

Sarah Silverman macht Witze über ihre Geschlechtsteile, ihr Jüdischsein und mitunter auch über Vergewaltigungen. Damit wurde sie zu einer der bekanntesten und umstrittensten Komikerinnen der USA, die vor keinem Tabu zurückschreckt und aus ihrer linken politischen Einstellung nie einen Hehl macht. In Deutschland kennt man sie durch ihre Comedy-Show „The Sarah Silverman Program“ und die Moderation der MTV Movie Awards, aber auch durch das millionenfach geklickte Internetvideo „I’m fucking Matt Damon“, mit dem sie ihrem damaligen Lebensgefährten Jimmy Kimmel auf den Arm nahm. Nun wurde ausgerechnet sie als Stimme der kleinen Protagonistin im Disney-Animationsfilm „Ralph reichts“ ausgewählt, der jetzt in den deutschen Kinos läuft.

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Der Macher und die Stimme: Sarah Silverman mit Pixar-Boss John Lasseter bei der Premiere von "Ralph reichts" (©2012 Disney)

BRASH.de: Sarah, Sie sind als Komikerin bekannt für Ihren sehr deftigen, tabulosen Humor. Fast ein bisschen ironisch, dass Sie nun ausgerechnet für einen Disney-Film wie „Ralph reichts“ als Sprecherin engagiert wurden, oder?

Sarah Silverman: Ach, ich sehe darin ehrlich gesagt keinen wirklichen Widerspruch. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Außerdem bin ich ja nicht die erste, die diesen Spagat wagt. In meiner Jugend war Eddie Murphy der skandalöseste Komiker überhaupt. Und er hat nicht nur allerlei erfolgreiche Disney-Filme gedreht, sondern auch den Esel in „Shrek“ gesprochen. Leute wie er und ich haben ihre große Klappe zur Not auch mal unter Kontrolle, wenn es drauf ankommt.

Worauf achtet man denn, wenn man so einen Sprecher-Job angeboten bekommt? Ist es tatsächlich die Rolle, deretwegen man zusagt?

Sarah Silverman: In erster Linie war ich einfach begeistert, dass ich überhaupt gefragt wurde. Ich bin schon immer ein großer Fan der Zeichentrick- und Animationsfilme aus dem Hause Disney, weil man ihnen immer ansieht wie unglaublich viel Zeit und Mühe darin steckt. Jeder einzelne Moment in diesen Filmen ist so komplex und facettenreich ausgearbeitet, dass ich immer nur staunen kann. Allein deswegen hätte ich vermutlich zugesagt. Umso begeisterter war ich dann, als mir auch noch das Drehbuch gefiel. Meine Figur…

… eine kleine Göre namens Vanellope van Schweetz, die in der Süßigkeiten-Welt des Computerspiels „Sugar Rush“ lebt und gerne Rennfahrerin wäre…

Sarah Silverman: Was für eine Rolle, oder? Diese Mädel ist so großartig, ein echtes Geschenk. Fast habe ich das Gefühl, sie ist die Tochter, von der ich total vergessen habe, sie zu bekommen. Derart besondere, draufgängerische und selbstbewusste Mädchen sieht man ja im Kino nicht so oft. Und die unerreichbare Taille, die sonst so typisch ist für Disney-Prinzessinnen, fehlt ihr zum Glück auch. Ich fand Vanellope einfach verdammt real und patent, nicht zuletzt für eine Computerspielfigur.

Draufgängerisch und selbstbewusst – damit kann man Sie selbst auch ganz gut beschreiben, nicht wahr?

Sarah Silverman: Draufgängerisch bin ich auf jeden Fall. Altklug übrigens auch. Und für andere schwer zu ertragen. Das haben die Leute bei Disney ganz gut erkannt, dass ich mit meiner Art natürlich in erster Linie das verletzliche kleine Mädchen in mir verstecke. Was ich aber vor allem mit Vanellope teile, ist etwas Größeres: den Wunsch, genauso zu sein wie die anderen, und zu den „normalen“ Menschen dazuzugehören.

Im Ernst? Sie träumen von der Normalität?

Sarah Silverman: Na ja, wenn ich wirklich zum Mainstream gehören wollen würde, hätte ich vermutlich schon vor einer Weile aufgehört, so polarisierend zu sein. Aber natürlich habe auch ich eine Seite an mir, die einfach nur gemocht werden will. Ich möchte schon auch als liebenswert gesehen werden. Ich sehe eben nur nicht ein, warum ich mir dafür den Mund verbieten lassen sollte. So dringend muss ich dann doch nicht Kate Hudsons beste Freundin in irgendeiner romantischen Komödie spielen, dass ich nicht doch lieber weiter meine Meinung sage und für Frauen- und Schwulenrechte kämpfe.

Wer ist denn eigentlich ein typischer Sarah Silverman-Fan?

Sarah Silverman: Das lässt sich so pauschal nicht kategorisieren. Wenn ich mit meinem Stand-up-Programm auf der Bühne stehe, ist das Publikum altersmäßig recht gemischt. Aber das sind dann natürlich immer Comedy-Fans. Gleichzeitig sprechen mich aber auch Leute auf der Straße an, die mich zum Beispiel nur dank meiner Gastauftritte in der ganz und gar harmlosen Serie „Monk“ kennen und mit meinen kontroverseren Sachen vermutlich nichts anfangen könnten. Und dank der Kindersendung „Yo Gabba Gabba“ erkennen mich manchmal sogar die ganz Kleinen. Diese Mischung finde ich super, die wäre ideal für eine tolle Party-Gästeliste.

Komikerin, Schauspielerin, Autorin – als was sehen Sie sich selbst in erster Linie?

Sarah Silverman: Vor allem bin ich Mädchen! Ansonsten stimmt alles gleichermaßen. Ich liebe das Spielen genauso wie das Schreiben. Ich arbeite gerne mit anderen an großen Projekten, bin aber ebenso glücklich, wenn ich in meinem Wohnzimmer sitze und ein Video fürs Internet aufnehme. Solange ich die Möglichkeit habe, mich selbst kreativ auszudrücken, habe ich keine Präferenz für ein bestimmtes Medium oder eine spezielle Form. Stand-up-Comedy ist allerdings ohne Frage etwas, das immer ein Teil von mir bleiben wird. Komikersein, das ist wie mit der sexuellen Orientierung: man wird so geboren!

Comedy war lange Jahre sehr von Männern dominiert, aber inzwischen feiern nicht nur Sie, sondern auch Tina Fey, Kristen Wiig und andere große Erfolge. Werden die Zeiten für Frauen in diesem Bereich besser?

Sarah Silverman: Nein, ich würde das anders formulieren. Die Zeiten werden für Comedy allgemein besser. Und zwar dank der Tatsache, dass es immer mehr tolle Frauen gibt, die so unglaublich gut sind. Als ich als Komikerin anfing, wurden wir noch mit aller Macht dazu gebracht, bloß nicht über Persönliches, übers Frausein zu sprechen. Das würde Männer angeblich nicht interessieren. Wir sollten nur Gags machen, die auch von unseren männlichen Kollegen hätten stammen können. Ich habe lange gebraucht um zu kapieren, dass das riesiger Bullshit ist. Nichts ist lustiger, als wenn man seine eigenen Erfahrungen verarbeitet. Es wird immer Leute geben, die damit nichts anfangen können. Aber das ist völlig in Ordnung.

©2012 Disney

Kleines Mädchen mit großer Klappe: Vanellope in "Ralph reichts", der Sarah Silverman ihre Stimme lieh. (©2012 Disney)

Zur Person

Sarah Silverman wurde am 1. Dezember 1970 als Tochter jüdischer Eltern in New Hampshire geboren. Fürs Studium zog sie nach New York, wo sie im Greenwich Village erste Gehversuche als Komikerin unternahm und noch heute lebt.

1993 stieß sie als Autorin und Darstellerin zur legendären Sketchshow „Saturday Night Live“, wurde aber nach einem Jahr wieder gefeuert, weil es keiner ihrer Sketche in die Sendung geschafft hatte. Für ihre eigene Sendung „The Sarah Silverman Program“ wurde sie später für den Emmy nominiert.

Als Schauspielerin konnte man Silverman in Serien wie „Frasier“, „Monk“ oder „Seinfeld“ sowie in Filmen wie „Verrückt nach Mary“ und „School of Rock“ sehen. Ihr neuster Film „Take This Waltz“ mit Michelle Willams und Seth Rogen kommt im März 2013 in die deutschen Kinos.

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