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Ian McKellen im Interview „Der größte Fehler meines Lebens war, dass ich die Arbeit an die erste Stelle setzte“
von Jonathan Fink am 23. Dezember 2012
73 Jahre und kein bisschen müde: Sir Ian McKellen über Bühnentode, ehemalige Beziehungen und seine neue alte Rolle als Gandalf in Peter Jacksons „Hobbit“. Er war auf der Bühne Hamlet und Onkel Wanja, im Kino Magneto und Gandalf, er wurde von der Queen zum Ritter geschlagen und ist der wahrscheinlich bekannteste offen schwule Schauspieler der Welt. Oder anders gesagt: Sir Ian McKellen ist eine Legende – und das zurecht. Nachdem der inzwischen 73-jährige Brite sich seit dem “Da Vinci Code” auf der Leinwand etwas rar gemacht hatte, meldet er sich nun eindrücklich zurück. Für Peter Jacksons “Der Hobbit – Eine unerwartete Reise” schlüpft er noch einmal in die Paraderolle des Zauberers Gandalf – und ist natürlich auch in den beiden noch ausstehenden Teilen mit von der Partie. Und Gerüchten zufolge feiert er im nächsten “X-Men” auch noch mal ein Comeback als Magneto. ![]() Endlich wieder der Graue statt der Weiße: Ian McKellen als Gandalf in "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" (Foto: Warner Bros.) BRASH.de: Sir Ian, für die Arbeit am „Hobbit“ wieder nach Neuseeland zurückzukehren und abermals in die Rolle von Gandalf zu schlüpfen, muss sich wie ein Déjà-vu angefühlt haben, oder? Ian McKellen: Es war schon ein bisschen so, als sei ich nur mal kurz weg gewesen. Neuseeland hatte sich in den letzten Jahren nicht allzu sehr verändert, und auch Mittelerde sah noch fast genauso aus wie damals. Natürlich waren dieses Mal ziemlich viele neue Schauspieler mit von der Partie. Aber hinter der Kamera waren so viele Team-Mitglieder die gleichen dass man wirklich glauben konnte, wir würden immer noch den „Herrn der Ringe“ drehen. Es war eine echte Rückkehr. Die Ihnen anfangs nicht unbedingt leicht fiel, wie man lesen konnte. Ian McKellen: Es war gar nicht so sehr, dass ich gezögert habe, die Rolle noch einmal zu spielen. Viel mehr war es ein ewiges Hin und Her, ob und wann der Film überhaupt gedreht werden würde. Erst sah es lange so aus, als würde es gar keinen „Hobbit“-Film geben. Dann änderte Peter Jackson seine Meinung und bot mir die Rolle an, wusste aber noch gar nicht, wann gedreht werden sollte. Dann war kurzzeitig Guillermo Del Toro als Regisseur vorgesehen, dann für eine Weile das gesamte Projekt wieder so gut wie vom Tisch. Ich musste immer damit rechnen, dass der Film vielleicht doch niemals entstehen würde, und natürlich führte das dazu, dass ich mir sehr bewusst machte, was alles dagegen sprach, die Rolle anzunehmen. Nämlich? Ian McKellen: Nun, warum sollte ich noch einmal Gandalf spielen? Das hatte ich doch schon alles hinter mir. Und noch mal für eine halbe Ewigkeit ans andere Ende der Welt ziehen? Aber andererseits liebe ich diese Rolle nun einmal, genauso wie ich die Arbeit mit Peter liebe. Und Neuseeland ist ein wunderbares Land, in dem man hervorragend leben und arbeiten kann. Letztlich fiel die Entscheidung also doch leicht. Hätten Sie abgelehnt, wäre doch vermutlich auch das ganze Projekt gefährdet gewesen, oder? Ian McKellen: Das glaube ich nicht. Man hat mir – oder viel mehr meinem Agenten – durchaus zu verstehen gegeben, dass man sich zur Not auch nach einem anderen Gandalf-Darsteller umsehen würde. Es war also nicht so, dass das Schicksal des Films von meiner Zusage abhing. Aber natürlich wollte ich auf keinen Fall, dass irgendjemand anderes meine Rolle spielt! Was ist denn der besondere Reiz daran, mit Jackson einen solchen Film zu drehen? Ian McKellen: Das Beste ist, dass er und seine Mitstreiter Tolkien wirklich lieben. Das sind echte Fans und nicht einfach Leute, die das große Geld wittern. Und sie drehen diese Filme in erster Linie für Leute wie sich. Peter stellt nicht sich selbst, sondern Tolkien an erste Stelle. So wie für jeden guten Theaterregisseur, ganz gleich wie modern er ein Stück inszeniert, das wichtigste immer Shakespeares oder Tschechows Worte sind. Sie sind in „Der Hobbit“ nun wieder Gandalf der Graue, nicht wie zum Ende der „Herr der Ringe“-Trilogie Gandalf der Weiße. Ian McKellen: Zum Glück, denn Peter und ich mochten Gandalf den Weißen eigentlich nicht. Gandalf der Weiße war wiederauferstanden und hatte eine Mission. Er war so furchtbar zielstrebig und herrisch, immer nur die Rettung der Welt vor Augen. Das ist natürlich ehrenwert. Aber mir war immer schon der Gandalf lieber, der auch mal einen über den Durst trinkt, Pfeife raucht und mit den Hobbits scherzt. Während Gandalf der Weiße quasi übermenschlich war, ist Gandalf der Graue einfach jemand, der das Leben auch nach über 7000 Jahren liebt und es genießt. Über 50 Jahre stehen Sie schon auf der Bühne oder vor der Kamera. Was macht die Schauspielerei nach all der Zeit für Sie noch immer reizvoll? Ian McKellen: Zum einen bereitet es mir bis heute immer noch große Freude, dazuzulernen und besser zu werden. Und zum anderen ist es einfach wunderbar, dass man mir immer noch Jobs gibt, dass es Kollegen und Regisseure gibt, die scheinbar gerne mit mir arbeiten. Ich bin jetzt 73 Jahre alt, aber ich darf immer noch mitmischen, immer noch funktionieren. Kurz: ich gehöre immer noch dazu. Das geht nicht vielen Alten so. Ohne die Schauspielerei würde ich mich sicher nicht so jung fühlen, sondern vermutlich irgendwo der Themse beim Fließen zusehen und darauf warten, dass es mit mir bergab geht. Eine traurige Vorstellung. Da gefällt mir der Gedanke, auf der Bühne zu sterben, deutlich besser. In früheren Interviews haben Sie mal gesagt, dass Sie sich auf die langen Dreharbeiten in Neuseeland vielleicht nicht eingelassen hätten, wenn Sie einen Lebensgefährten oder Familie gehabt hätten. Sind Sie also froh darum, als Single diese berufliche Freiheit zu haben? Ian McKellen: Oh, diese fürchterliche Frage. Wie oft, glauben Sie, stelle ich mir die selber? Hätte ich gerne jemanden neben mir liegen, wenn morgens die Sonne in mein Bett scheint? Ja, natürlich. Aber dann auch wieder nicht. Nur weil man eine Beziehung oder eine Familie hat, sagt das ja aber auch noch nichts darüber aus, wie man diesen Zustand mit dem Beruf verbindet. Unser Hauptdarsteller Martin Freeman etwa ließ seine Frau und die Kinder zuhause in England, während James Nesbitt seine Töchter mitbrachte und in Neuseeland in die Schule steckte. Stephen Fry hatte seinen Freund mit, Billy Connolly dagegen kam alleine. Für mich ist es natürlich müßig, darüber zu spekulieren. Doch hätte ich einen Lebensgefährten, dann hätte ich auch gehofft, dass er mich zu einem Job wie diesem begleitet. ![]() Fantasyfans bei der Arbeit: Hugo Weaving, Regisseur Peter Jackson und Ian McKellen am Set von "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" (Foto: Warner Bros.) Sie hatten in Ihrem Leben die eine oder andere Langzeitbeziehung. Wie haben Sie da die Balance zwischen Privatleben und Beruf hinbekommen? Ian McKellen: Gar nicht, fürchte ich. Eigentlich ist das nichts, worüber ich öffentlich gerne rede, denn das Thema wühlt mich viel zu sehr auf. Wenn ich zurückblicke, ist aber genau das vermutlich der größte Fehler meines Lebens gewesen: dass ich die Arbeit an erste Stelle gesetzt habe. Ich werde nie vergessen, wie ich nach einer längeren Zeit in New York mal nach Hause nach London kam, und das erste, was mein damaliger Freund nach meiner Rückkehr zu mir sagte war: “Ich verlasse dich…” (schweigt) Den Schmerz spüre ich heute noch…. Aber ich bin selbst dafür verantwortlich (mit Tränen in den Augen). Ich war leider einfach nie besonders gut im Führen von Beziehungen (lacht bitter). Als der erste Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie ins Kino kam, brachten Sie ihren damaligen, 40 Jahre jüngeren Freund mit zur Oscar-Verleihung. Ian McKellen: Oh, Sie erinnern sich an Nick! Wir haben immer noch Kontakt, ist das nicht schön? Er heiratet bald seine Verlobte – und ich werde unter den Gästen sein. Ich freue mich enorm für die beiden! Immer noch gibt es kaum Kollegen, die Ihrem Beispiel folgen, oder? Ian McKellen: Ich würde schon sagen, dass sich in dieser Hinsicht in den letzten zehn Jahren in der Branche einiges getan hat. Gucken Sie nur, wie viele offen schwule Schauspieler beim „Hobbit“ mit dabei waren: zwei der Zwerge, dazu Luke Evans, Stephen Fry, Lee Pace. Bei „Der Herr der Ringe“ war ich noch der einzige, daneben gab es noch mein Make-up-Artist und einen aus dem Garderoben-Team. Das ist doch erst einmal ein Fortschritt, oder? Was auch fehlt: ein schwuler Superheld, zum Beispiel! Ian McKellen: Da ist was dran, so etwas fehlt. Und eine Veranstaltung wie die Paralympics, und damit meine ich nicht die Gay Games. Zu sehen, wie sich in England – und auch in meinem ganz privaten Umfeld – die Einstellung zu Behinderten verändert hat, nachdem in London die Paralympics stattfanden, war unglaublich. In der U-Bahn haben plötzlich Menschen ihre Prothesen nicht mehr versteckt, sondern ganz offen gezeigt. Und ich werde nie vergessen, was bei der Abschlussveranstaltung einer der Organisatoren von seinem fünf Jahre alten Neffen erzählte. Was erzählte der denn? Ian McKellen: Der entdeckte in einem Bilderbuch einen Mann mit Augenklappe, einem Haken statt einer Hand und einem Holzbein. Seine Mutter dachte, er würde ihn sofort als Pirat erkennen. Aber der Junge sagte nur: der Mann hat nur ein Bein, also ist er wohl ein Sportler. Ich würde mir wünschen, dass der gleiche Junge zwei sich küssende Männer sieht und sagt: oh, die küssen sich, dann sind das wohl glückliche Menschen. „Der Hobbit“, seit 13. Dezember im Kino Ähnliche Artikel Zum sechsten Mal feiert die derzeit erfolgreichste Action-Serie des Kinos eine Testosteron-Sause… „Moulin Rouge“-Regisseur Baz Luhrmann hat F. Scott Fitzgeralds Klassiker „Der große… Cascada for last! Nilz Bokelberg erhofft sich für Deutschland eine pädagogisch wertvolle… Jared Leto macht wieder Musik. Ein neues Album mit seiner Band ’30 Seconds To Mars’ kommt… Mit „Tanz der Teufel“ verhalf Sam Raimi dem Splatterfilm 1981 zu seinem endgültigen…
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