„Gibsy“ im Kino
Die Karikatur eines Ariers

Der deutsche Muhammed Ali: „Gibsy“ erzählt die Geschichte des Boxers Johann Rukeli Trollmann im Nationalsozialismus.

Der große Kampf beginnt: Am ganzen Körper mit Mehl bestäubt und mit blondiertem Haar betritt Johann Rukeli Trollmann den Ring. Die Reporter und Fotografen lauern schon auf den „Zigeuner“: „Ich bin jetzt der blonde Boxer, ich werde deutsch boxen!“, ruft ihnen Trollmann zu.

Gibsy

Gib's ihnen, Gibsy: Johann Rukeli Trollmann steigt als weißer Zigeuner in den Ring

Der Auftritt als Karikatur eines Ariers im Juli 1933 ist eine waghalsige Protestaktion des Hannoveraner Sinto. Wenige Wochen zuvor wurde ihm aus fadenscheinigen Gründen sein Titel als Deutscher Meister im Halbschwergewicht aberkannt. Ein dunkelhäutiger „Zigeuner“, der seine Gegner im Stil eines Muhammed Ali austänzelte, passte nicht ins Weltbild des früh schon gleichgeschalteten deutschen Boxverbands. Schließlich galt das zu Beginn der dreißiger Jahre sehr populäre Boxen als Hitlers Lieblingssport.

In den Zeitungen wird aus dem geschickten Publikumsliebling Rukeli Trollmann, dessen Stil Fachleute heute mit Muhammed Ali vergleichen, schrittweise der „undeutsch“, respektive feige boxende „Zigeuner“, der den großen Kampf dann auch verliert, weil er zum ersten Mal „typisch deutsch“ boxt: ohne zu tänzeln, Fuß an Fuß mit dem Gegner.

In seiner spannenden Dokumentation über den Hannoveraner Boxprofi, der im Konzentrationslager starb, zeichnet Regisseur Eike Besuden in Archivbildern, Interviews mit Familienmitgliedern und in nachgespielten Szenen die Geschichte von Johann Rukeli Trollmann, die bis heute wohl den wenigsten Boxfans bekannt ist, und stellvertretend steht für die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung von über 20.000 deutschen Sinti und Roma in den Konzentrationslagern. Erschütternd, aber absolut sehenswert.

Boxer-Doku:

„Gibsy – Die Geschichte des Boxers Johann Rukeli Trollmann“

(Deutschland, 2012, 88 Min)

Regie: Eike Besuden

mit: Hannes Wegener, Hannelore Elsner u.a.

Kinostart: 17. Januar 2013

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