'Flight' im Kino
Wenn das Leben zur Lüge wird

Denzel Washington kämpft in „Flight“ gegen Alkoholsucht und Unrechtsbewusstsein. Als volltrunkener Pilot bringt er zwar eine defekte Maschine sicher zu Boden, riskiert aber dennoch unzählige Menschenleben.

Flight

Ironie des Schicksals: Ohne Drogen hätte Whitaker (Denzel Washington) die Maschine wahrscheinlich nicht mehr gelandet

Zwölf Jahre lang hat Regisseur Robert Zemeckis („Cast Away – Verschollen“) keinen Realfilm mehr gedreht, sondern sich stattdessen mit zunehmend weniger Erfolg auf computeranimierte Motion-Capture-Spektakel in 3D konzentriert. Das im starken Gegensatz dazu geradewegs altmodische Trinkerdrama „Flight“ ist so gesehen gleich eine doppelt willkommene Rückkehr zur früheren Form.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt sein betuliches und beinahe zweieinhalbstündiges Porträt eines alkoholsüchtigen Piloten (Denzel Washington), der unter massivem Drogeneinfluss ein außer Kontrolle geratenes Passagierflugzeug in letzter Sekunde notlanden kann. Whitaker wird als Held gefeiert, gerät jedoch nach der verhinderten Katastrophe schnell unter Druck: Bei den Untersuchungen von Versicherung und Fluggesellschaft könnte ihm seine Alkoholabhängigkeit zum Verhängnis werden. Anfänglich hält der in Wahrheit wenig heldenhafte Pilot an seiner Unschuld fest, ehe ihn schließlich Zweifel überkommen – und er den Konsequenzen seines fahrlässigen Handelns nicht länger aus dem Weg gehen kann.

Der die menschliche Krise einleitende Flugzeugabsturz zu Beginn des Films ist ein Lehrstück dramatischer Spannung, von dessen Eindrücklichkeit „Flight“ noch bis zum Abspann zehrt. Zemeckis’ intensive Inszenierung dieser Sequenz, die den Nährboden der ganzen Geschichte bildet, mutet wie ein Befreiungsschlag des Regisseurs an, der mit klassischen filmischen Mitteln endlich wieder zu sich selbst findet. Was dann folgt, ist eine nicht immer ganz ausgewogene Mischung aus Charakterdrama und Gerichtsthriller, die überwiegend dramatische, aber durchaus auch komödiantische und sogar spannungsorientierte Töne anschlägt. So mögen die heiteren Auftritte von John Goodman manch einem ähnlich irritierend erscheinen wie die wenig subtile Strategie des Films, aus der entscheidenden Frage, ob Whitaker sich zu seiner Sucht wird bekennen können oder nicht, fast krimiartige Suspense-Momente zu entwickeln. Hier scheut Zemeckis auch nicht den Umgang mit offensichtlichen Symbolbildern, religiösen Schlenkern und stets breit gepinselten Emotionen.

Dennoch ist „Flight“ beeindruckend in seinem Willen zu ernsthaftem amerikanischen Erzählkino, dessen angenehme Einfachheit beinahe das alte Hollywood heraufbeschwört, sowie seiner durchaus bewegenden und moralisch schwierigen Darstellung eines Alkoholabhängigen. Dass Whitaker die Katastrophe letztlich vor allem dadurch verhindern konnte, weil er Bewusstseins- und Konzentrationsfähigkeit auf fragwürdige Art mit Kokain stärkte, verleiht dem Zuschauer ein ambivalentes, durchaus reizvolles Gefühl gegenüber der Hauptfigur des Films.

Getragen wird „Flight“ dabei ganz von einem herausragenden Denzel Washington, der dem labilen Piloten bis in kleinste Details bemerkenswerte Facetten abgewinnen kann. Als gebrochener Mann zwischen Selbstlüge und Unrechtsbewusstsein, den Scherben seiner Ehe und auch väterlicher Verantwortung spielt er eine höchst komplizierte Rolle, die ihm zweifellos verdient eine Oscarnominierung einbrachte.

3 B



Trinkerdrama:

„Flight“
(USA 2012)
Regie: Robert Zemeckis
mit:
Denzel Washington, Kelly Reilly, Don Cheadle, John Goodman, Bruce Greenwood u.a.

Kinostart: 24. Januar 2013

http://www.flight.studiocanal.de/

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