Tim Burton im Interview
„Schon immer hatte der Tod seinen Platz im Kinderfilm“

Tim Burton meldet sich mit „Frankenweenie“, einem animierten Horrorfilm für Kids und Burton-Fans, zurück. Diesmal ohne Johnny Depp und Helena Bonham Carter.

Sein oder Nichtsein: Tim Burton checkt ein Modell für "Frankenweenie".

Erst vor einem Jahr brachte Tim Burton die Vampirkomödie „Dark Shadows“ in die Kinos. Nun folgt schon der nächste Streich, der schwarzweiße Animationsfilm „Frankenweenie“. Die von Horror-Elementen durchzogene Komödie ist nach „Nightmare Before Christmas“ (bei dem er nur als Autor und Produzent verantwortlich zeichnete) und „Corpse Bride“ bereits der dritte Abstecher des amerikanischen Regisseurs in Stop-Motion-Gefilde – und bescherte ihm gerade seine zweite Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Animationsfilm.

Wir trafen Tim Burton in seiner Wahlheimat London und sprachen mit ihm über das Autobiografische an „Frankenweenie“, Bambis Mutter und wo Johnny Depp in der Besetzungsliste abgeblieben ist.

BRASH.de: Mr. Burton, sie hatten als Kind einen Hund, der dann verstarb. Ist „Frankenweenie“, die Geschichte eines Jungen, der seinen Hund von den Toten zurückholt, autobiografisch inspiriert?

Tim Burton: Könnte man so sagen. Das Verhältnis zwischen einem Kind und einem Tier ist ja so etwas wie die erste Liebe, ja sogar die erste Beziehung, die man führt. Die Kraft der bedingungslosen Liebe, wie sie einem speziell Hunde entgegen bringen, ist enorm. Aber parallel ist damit auch die erste Begegnung mit dem Tod verbunden. Außer man hat eine Schildkröte, die 120 Jahre alt wird. Diese beiden nachhaltig prägenden Erfahrungen brachten mich darauf, diese Geschichte zu erzählen.

Hier lebt er noch: Hund Sparky mit seinem Herrchen Victor.

Nicht jeder würde daraus allerdings eine Hommage ans Horrorkino machen…

Tim Burton: Mir erschien es einfach sehr stimmig, das mit meiner Vorliebe für alte Monster-Filme allgemein und „Frankenstein“ im Besonderen zu kombinieren. Denn in diesem Wunsch, einen Verstorbenen zurück ins Leben zu holen, steckt ja schon ein großes Stück Fantasy. Deswegen fand ich das Genre-Kino dafür nicht weit hergeholt.

Würden Sie so weit gehen, „Frankenweenie“ als Ihren bislang persönlichsten Film zu bezeichnen?

Tim Burton: Zumindest hat es extrem viel Spaß gemacht, für jede Szene und jede Figur des Films einen Bezug zu meinen eigenen Erinnerungen herzustellen. Um den – übrigens nicht animierten – Kurzfilm, den ich 1984 über die gleiche Geschichte gedreht hatte, nun zu einem Spielfilm zu erweitern, habe ich tief in meinem Gedächtnis gekramt. So kommt es, dass sich jetzt von den Mitschülern Victors über seine Lehrer bis hin zum Verhältnis der einzelnen Figuren untereinander fast alles mal mehr, mal weniger direkt aus meiner Kindheit speist. Selbst das Klassenzimmer im Film sieht so aus, wie ich meines in Erinnerung habe. Diesen unmittelbaren, privaten Bezug hatte ich vorher noch bei keinem Film, also ist „Frankenweenie“ zumindest unter diesem Gesichtspunkt sicher einer der persönlichsten.

Victor gibt sich den Frankenstein: Sparky knapp vor der Wiederbelebung.

Es findet sich neben all den Horror-Anspielungen in „Frankenweenie“ auch eine „Bambi“-Referenz. Ist auch damit eine Kindheitserinnerung verknüpft?

Tim Burton: Nein, da ging es mir um etwas anderes. Ich wollte daran erinnern – und zwar die Leute bei Disney genauso wie das erwachsene Publikum – dass Düsternis oder sogar der Tod immer schon einen Platz in Kinder- und Animationsfilmen hatten. Man denke nur an den „König der Löwen“ oder eben Bambis Mutter. Irgendwie vergessen das die meisten Menschen immer, wenn sie an Disney-Filme denken. Aber für mich waren deren stärkste Momente schon seit den „Schneewittchen“-Tagen immer die, in denen nicht eitel Sonnenschein herrschte.

Stichwort Disney: Sie waren zu Beginn Ihrer Karriere bei dem Studio angestellt, und tatsächlich war der „Frankenweenie“-Kurzfilm, den man dort zu wenig kindgerecht fand, der Hauptgrund für Ihre Entlassung. Bereitet es Ihnen eine diebische Freude, dass nun ausgerechnet Disney den Film in die Kinos bringt?

Tim Burton: Ach, das sollte man nicht überbewerten. Das waren damals andere Zeiten. Die Firma von früher kann man nicht mit Disney heute vergleichen. Ich habe nicht groß über die Vergangenheit nachgedacht, sondern mich einfach gefreut, wie gut die Zusammenarbeit nun klappte. Schließlich hätte es gut sein können, dass ihnen die Idee, „Frankenweenie“ in Schwarzweiß zu drehen, gar nicht behagt. Diesbezüglich erlebte ich viel Unterstützung, dafür bin ich dankbar.

In der Kategorie „Bester Animationsfilm“ konkurrieren Sie beim Oscar nun mit Trickfilmen aus dem Computer wie „Merida“ oder „Ralph reicht’s“. Was fasziniert Sie so an der eher altmodischen Stop-Motion-Technik?

Tim Burton: Vor allem die Tatsache, dass nichts digital ist, sondern alles tatsächlich existiert und vor mir steht. Stop-Motion ist eine taktile, handgemachte Angelegenheit, das liebe ich sehr. Dadurch entsteht eine Intimität, die sich in anderen Formen der Animation meiner Meinung nach nicht herstellen lässt. Denken Sie nur an die Arbeiten des großen Ray Harryhausen, seine Stop-Motion-Effekte in den dreißiger und vierziger Jahren. Die hatten eine Schönheit, die man heute im Kino nicht mehr sieht. Gerade im Fall von „Frankenweenie“ kam außerdem nichts anderes in Frage. Denn im Grunde machen wir ja nichts anderes als mein Held Victor Frankenstein: durch Stop-Motion erwecken wir tote Materie zum Leben.

Hier stand eindeutig Peter Lorre Pate: Victors Mitschüler Bob.

Tim Burton: Die Vorstellung von schwarzweißen 3D-Bildern fand ich enorm reizvoll. Nicht alle Filme sind meiner Meinung nach für diese Technik geeignet. Aber gerade Stop-Motion ist eigentlich ideal. Denn durch das 3D wird die Handarbeit dieser Künstler, die ja wirklich jede Figur selbst modellieren und jede Requisite eigenhändig bemalen, besonders akkurat ins Bild gesetzt. Da bekommt man noch mal ein ganz anderes Gespür für den Aufwand und die Dimensionen eines Stop-Motion-Sets.

Trotzdem ist „Frankenweenie“ ein untypischer Tim Burton-Film: weder Ihre Lebensgefährtin Helena Bonham Carter noch Johnny Depp sind dieses Mal beteiligt…

Tim Burton: (lacht) Finden Sie das gut oder schlecht? Die Leute beschweren sich nämlich immer, egal wie ich es mache. Wenn ich jedes Mal mit Johnny arbeite, muss ich mir das vorwerfen lassen. Und nun, wo ich es nicht tue, ist das gleiche der Fall. Aber was soll ich sagen: ich liebe es, mit Freunden zu arbeiten. Doch ich tue es nicht um der Freundschaft willen. Es muss schon auch die passenden Rollen für sie geben. In diesem Fall gab es die weder für Helena noch für Johnny, was sie mir aber sicher nicht übel genommen haben. Stattdessen habe ich mir einfach andere alte Wegbegleiter ins Boot geholt, wie Winona Ryder, Martin Landau oder Catherine O’Hara.

Stop-Motion-Horror:

„Frankenweenie“
(USA 2012)
Regie: Tim Burton

Kinostart: 24. Januar 2013
www.disney.de/frankenweenie

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